Wie Behörden versuchen, die Zwiebel zu schälen – und was von den Gerüchten über eigene Tor-Knoten übrig bleibt.
Du öffnest den Tor Browser.
Die aufgerufene Webseite sieht nicht deine normale IP-Adresse. Dein Internetanbieter sieht, dass du eine Verbindung zum Tor-Netz aufbaust, aber nicht einfach, welche Webseite am Ende dahinterliegt. Und kein einzelner Tor-Knoten soll gleichzeitig wissen, wer du bist und wohin du willst.
Das klingt ziemlich anonym.
Ist es auch.
Aber eben nicht grenzenlos.
Seit Jahren hält sich die Geschichte, Geheimdienste und Polizeibehörden würden eigene Tor-Knoten betreiben, damit sie Nutzer verfolgen können.
NSA. CIA. FBI. BKA. BND. Europol.
Einmal die ganze Buchstabensuppe auf den Tisch.
Die einen machen daraus: Tor ist längst komplett geknackt.
Die anderen behandeln Tor wie einen magischen Tarnumhang.
Beides ist mir zu flach.
Ja, staatliche Stellen haben Tor angegriffen. Sie haben Infrastruktur beobachtet, Sicherheitslücken ausgenutzt und zumindest historisch mit eigenen oder kontrollierten Knoten gearbeitet. Daraus folgt aber nicht, dass jede Tor-Verbindung auf Knopfdruck enttarnt werden kann.
Und andersherum wird Tor nicht wertlos, nur weil ein gezielter Angriff möglich ist.
Die ehrliche Antwort liegt dazwischen.
Leider ist genau diese Antwort länger als eine Schlagzeile.
Wissensstand: 17. September 2026.
Niemand soll den ganzen Weg kennen
Eine normale Verbindung ins Web läuft bei Tor gewöhnlich über drei Stationen:
Du → Einstiegsknoten → mittlerer Knoten → Ausgangsknoten → Webseite
Der Einstiegsknoten wird meist Guard genannt. Er kennt deine IP-Adresse, weiß aber normalerweise nicht, welche Webseite du am Ende besuchen möchtest.
Der mittlere Knoten kennt nur seinen Vorgänger und seinen Nachfolger.
Der Ausgangsknoten – der Exit – sieht, zu welchem Server die Verbindung das Tor-Netz verlässt. Deine ursprüngliche IP-Adresse kennt er aber nicht.
Die Zielseite sieht schließlich den Exit und nicht deinen Anschluss.
Die Daten sind dabei in mehreren Schichten verschlüsselt. Daher kommt die Zwiebel im Namen Onion Routing. Jeder Knoten entfernt nur die Schicht, die er für seinen Teil des Weges braucht.
Das ist keine Zauberei.
Es ist verteiltes Wissen.
Ein bösartiger Guard kennt dich, aber normalerweise nicht dein Ziel. Ein bösartiger Exit kennt das Ziel, aber normalerweise nicht dich. Der mittlere Knoten kennt von beidem nur Ausschnitte.
Tor verteilt Wissen. Der Einstieg kennt dich, der Ausgang kennt das Ziel – aber kein einzelner Knoten soll beides gleichzeitig wissen.
Genau deshalb reicht ein einzelner böser Tor-Knoten nicht automatisch aus, um dich durch das Netz zu verfolgen.
Interessant wird es dort, wo ein Angreifer beide Seiten beobachten kann.
Verschlüsselt heißt nicht unsichtbar
Stell dir vor, jemand sieht an einem Ende einer Straße einen Lieferwagen losfahren.
Drei Sekunden später kommt am anderen Ende ein ähnlich beladener Wagen an. Dann wieder einer. Immer im gleichen Takt.
Niemand muss die Pakete öffnen, um ein Muster zu erkennen.
Bei einer Timing- oder Verkehrskorrelation passiert etwas Ähnliches. Ein Angreifer vergleicht Zeitpunkte, Dauer, Richtung und Datenmenge von Verbindungen.
Viele Daten rein.
Kurze Pause.
Wenige Daten raus.
Wieder eine Pause.
Taucht dasselbe Muster an der anderen Seite des Tor-Netzes auf, kann daraus eine statistische Verbindung entstehen.
Der Inhalt muss dafür nicht entschlüsselt werden.
Das Tor Project beschreibt diese Grenze selbst ziemlich offen: Ein Beobachter, der deinen Verkehr und gleichzeitig die Zielseite oder den passenden Ausgang sehen kann, kann die zeitlichen Muster miteinander vergleichen. Gegen einen solchen Gegner schützt Tor nicht grundsätzlich.
Eigene Tor-Knoten können dabei helfen.
Sie sind aber nicht zwingend notwendig.
Ein mächtiger Angreifer kann möglicherweise auch Daten von Internetanbietern, Rechenzentren, Internetknoten, Zielservern oder anderen überwachten Stellen zusammenbringen.
Die wichtigere Frage lautet deshalb nicht nur:
„Betreibt die Behörde eigene Relays?“
Sondern:
„Welche Teile der Verbindung kann sie gleichzeitig sehen?“
Onion-Dienste haben keinen Exit
Bei einer Adresse mit .onion läuft die Verbindung anders.
Sie verlässt das Tor-Netz nicht über einen Exit. Der Besucher und der Onion-Dienst bauen jeweils einen eigenen Weg zu einem gemeinsamen Rendezvous-Punkt auf. Beide Seiten bleiben dabei hinter ihren Tor-Verbindungen verborgen.
Das ist wichtig, weil bei einem enttarnten Onion-Dienst sehr schnell irgendein angeblich kontrollierter Exit verantwortlich gemacht wird.
Nur: Bei einer Onion-Adresse gibt es an dieser Stelle gar keinen Exit.
Dann geht es eher um andere Möglichkeiten:
- den Guard des Dienstes herausfinden,
- lange Online-Zeiten vergleichen,
- den Server beschlagnahmen,
- eine Schwachstelle in der Anwendung ausnutzen,
- das Endgerät angreifen,
- oder einen menschlichen Fehler finden.
Man muss die Zwiebel nicht immer Schicht für Schicht knacken.
Manchmal wartet man einfach, bis an einer anderen Stelle jemand die Tür offen lässt.
Snowden: Ja, Geheimdienste haben Tor angegriffen
2013 veröffentlichte der Guardian interne Unterlagen von NSA und GCHQ aus dem Snowden-Material.
In der Präsentation „Tor Stinks“ ging es unter anderem um die Beobachtung von Tor-Verkehr, eigene oder zugängliche Relays, die Beeinflussung von Datenströmen und gezielte Angriffe auf Nutzer.
Damit ist ein wichtiger Teil der alten Vermutung belegt:
Staatliche Geheimdienste haben sich nicht nur theoretisch für Tor interessiert. Sie haben praktisch nach Wegen gesucht, Nutzer zu identifizieren.
In denselben Dokumenten steckt aber auch der Teil, der in der großen „Tor ist geknackt“-Erzählung gern verloren geht.
Die NSA konnte nicht einfach alle Nutzer massenhaft enttarnen. Für einen untersuchten Angriff reichte der Anteil kontrollierter Knoten nicht aus. Erfolg versprach eher die gezielte Kombination aus Überwachung, ausgewählten Zielen und einer verwundbaren Software.
Ein Angriff trug den hübsch bekloppten Namen EGOTISTICALGIRAFFE.
Dabei wurde nicht die Tor-Verschlüsselung gebrochen.
Ausgenutzt wurde eine Schwachstelle in einer veralteten Firefox-Version. Sobald der Browser selbst kompromittiert ist, kann er Daten am Tor-Weg vorbei senden oder den Nutzer auf andere Weise verraten.
Der kürzeste Weg durch die Zwiebel führt manchmal gar nicht durch die Zwiebel. Er führt über dein Endgerät.
Das ist bis heute eine der wichtigsten Erkenntnisse.
Die beste Anonymisierungsstrecke hilft nur begrenzt, wenn der Rechner am Anfang bereits plaudert.
FBI und Carnegie Mellon – ein belegter Relay-Angriff
2014 tauchten im Tor-Netz etwa 115 auffällig schnelle und zusammengehörige Relays auf. Zeitweise stellten sie rund 6,4 Prozent der Guard-Kapazität.
Diese Knoten manipulierten Tor-Protokolldaten. Ziel war, Verbindungen wiederzuerkennen und Nutzer oder Betreiber von Onion-Diensten zu identifizieren.
Später wurde bekannt, dass das Software Engineering Institute der Carnegie Mellon University hinter den Relays stand. Das zugrunde liegende Projekt wurde vom US-Verteidigungsministerium finanziert. Gerichtsunterlagen zeigten außerdem, dass das FBI die gewonnenen IP-Daten per Vorladung erhielt und in einem Strafverfahren verwendete.
Ob das FBI die Forschenden direkt für genau diesen Angriff bezahlte und ob dabei tatsächlich die oft genannte Summe von einer Million Dollar floss, blieb umstritten.
Der belegte Teil reicht auch so:
- Ein staatlich finanziertes Institut betrieb angreifende Relays.
- Reale Verbindungen im öffentlichen Tor-Netz wurden manipuliert.
- Die gewonnenen Daten landeten beim FBI.
Das beweist keinen dauerhaften geheimen Fuhrpark voller FBI-Knoten.
Es beweist aber, dass ein aktiver Relay-Angriff durchgeführt und für Ermittlungen genutzt wurde.
Das ist ein Unterschied.
Und genau um diese Unterschiede geht es hier.
Playpen – Tor wurde nicht gebrochen, sondern umgangen
Beim Onion-Dienst Playpen ging das FBI einen anderen Weg.
Die Behörde beschlagnahmte den Server, betrieb ihn zeitweise weiter und setzte mit richterlicher Genehmigung eine sogenannte Network Investigative Technique ein. Vereinfacht gesagt wurde Code an Besucher ausgeliefert, der die echte IP-Adresse und weitere Informationen des Rechners an einen Regierungsserver übermittelte.
Über die rechtlichen und ethischen Fragen dieses Vorgehens kann man sehr lange diskutieren.
Technisch ist der Punkt aber ziemlich klar:
Das FBI musste Tor nicht entschlüsseln.
Es kontrollierte den Dienst und brachte das Endgerät dazu, sich selbst zu melden.
Tor war nicht weg.
Es wurde umgangen.
Das klingt nach Wortklauberei, ist aber wichtig. Wenn wir nicht wissen, welcher Teil angegriffen wurde, können wir auch nicht beurteilen, welcher Schutz geholfen hätte.
Deutschland – die Spur im Takt der Daten
Im September 2024 berichteten Panorama und STRG_F über Ermittlungsunterlagen aus dem Boystown-Verfahren.
Danach überwachten deutsche Strafverfolger über längere Zeit Tor-Infrastruktur und konnten in einem gezielten Verfahren Verbindungen zeitlich miteinander in Beziehung setzen. Betroffen war ein Nutzer einer alten Version des längst eingestellten ursprünglichen Messengers Ricochet. Der heute gepflegte Nachfolger heißt Ricochet-Refresh. Die damalige Anwendung arbeitete über eine Onion-Verbindung und erzeugte über längere Zeit erkennbare Verbindungsphasen.
Vereinfacht soll es so gelaufen sein:
- Ermittler identifizierten wiederholt Tor-Knoten, über die sich der Onion-Dienst mit dem Netzwerk verband.
- Zeitpunkte und Verbindungsmuster wurden miteinander verglichen.
- Ein Gericht verpflichtete Telefónica, unter O2-Anschlüssen nach der passenden Verbindung zu einem bekannten Guard zu suchen.
- Dadurch konnte ein Anschluss einem Verdächtigen zugeordnet werden.
Das Tor Project selbst bekam die geheimen Ermittlungsunterlagen nicht zu sehen. Es hielt auf Grundlage der verfügbaren Informationen eine Guard-Discovery-Attacke gegen die alte Ricochet-Version für wahrscheinlich. Moderne Schutzmechanismen wie Vanguards fehlten dort noch.
Das BKA und die zuständige Generalstaatsanwaltschaft wollten die konkrete Methode weder bestätigen noch dementieren.
Deshalb würde ich hier nicht mehr behaupten, als die Quellen hergeben:
Stark journalistisch belegt ist eine erfolgreiche, gezielte Korrelation in diesem Verfahren. Nicht öffentlich belegt ist, dass das BKA die beobachteten Tor-Knoten selbst betrieben hat.
Möglicherweise wurden Relays bei Providern überwacht. Möglicherweise kamen weitere Daten aus dem Ausland hinzu. Möglicherweise war die interne Methode an einigen Stellen anders, als wir sie aus den Unterlagen rekonstruieren können.
Das Ergebnis bleibt trotzdem unbequem.
Eine alte Anwendung, lange erkennbare Verbindungen, die Beobachtung von Infrastruktur und Providerdaten reichten offenbar aus, um ein konkretes Ziel zu identifizieren.
Nicht jeden.
Aber diesen einen.
Die Frage, die die Bundesregierung nicht beantwortet hat
2021 fragte die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg ziemlich direkt, ob BND, Bundesamt für Verfassungsschutz, Militärischer Abschirmdienst, ZITiS oder BKA eigene Tor-Relays betreiben oder ähnliche Aktivitäten durchführen.
Zur auffälligen Relay-Gruppe KAX17 habe die Bundesregierung keine Erkenntnisse. ZITiS besitze keine operativen Befugnisse.
Für die übrigen Sicherheits-, Strafverfolgungs- und Nachrichtendienstbehörden verweigerte die Bundesregierung die Antwort. Sie begründete das mit dem Staatswohl und damit, dass Informationen über Methoden Rückschlüsse auf Fähigkeiten und Vorgehensweisen erlauben könnten.
Ist das ein Eingeständnis?
Nein.
Eine verweigerte Antwort ist kein Beweis für eigene Relays.
Ist sie auffällig?
Aber so was von...
Die Bundesregierung hätte schlicht „Nein“ sagen können. Hat sie aber nicht.
Damit bleibt der Betrieb eigener oder kontrollierter Tor-Infrastruktur durch deutsche Behörden technisch plausibel und aufgrund der verweigerten Antwort weiter offen – öffentlich bewiesen ist er nicht.
Ich weiß, das ist weniger befriedigend als ein dickes „Erwischt!“.
Aber ein Verdacht wird nicht zum Beweis, nur weil die Gegenseite schweigt.
KAX17 – viele Knoten, kein Name
KAX17 ist die Bezeichnung, die der unabhängige Relay-Forscher nusenu einem unbekannten Großbetreiber gab.
Über Jahre tauchten Hunderte Relays in vielen verschiedenen Netzen auf, die nach seiner Analyse zusammengehörten. Zeitweise soll der Betreiber eine erhebliche Chance gehabt haben, als Guard oder mittlerer Knoten in einer Verbindung ausgewählt zu werden.
Das Tor Project bestätigte eine große auffällige Gruppe, entfernte zahlreiche Relays und verbesserte seine Verfahren, um solche Betreiberverbünde zu erkennen.
Wer hinter KAX17 stand, ist öffentlich bis heute nicht geklärt.
Ein Geheimdienst?
Eine Polizeibehörde?
Sicherheitsforschung?
Eine kriminelle Gruppe?
Jemand mit einem ganz anderen Ziel?
Wir wissen es nicht.
Der Aufwand passt zu einem ressourcenstarken Akteur. Das ist ein Indiz.
Es ist kein Namensschild.
KAX17 beweist deshalb nicht, dass NSA, BND oder BKA das Tor-Netz kontrollierten.
Der Fall beweist etwas anderes: Ein unbekannter Betreiber konnte über längere Zeit viele Knoten an verschiedenen Stellen des Netzes platzieren.
Das Szenario ist also technisch möglich.
Nur der Absender bleibt unbekannt.
CIA, Europol und die Abkürzungsfalle
Die CIA betreibt eine offizielle Onion-Seite.
Das zeigt, dass der Dienst Tor selbst nutzt und die Vorteile schwer zu zensierender Kommunikation kennt.
Es beweist keine geheime Relay-Flotte.
Auch die Entstehung von Onion Routing im Umfeld des US Naval Research Laboratory und die staatliche Förderung des Tor-Projekts sind keine Belege für eine Hintertür. Die Herkunft ist öffentlich. Der Quellcode ist offen. Das Netzwerk besteht aus Relays vieler unterschiedlicher Betreiber.
Offener Quellcode macht Fehler nicht unmöglich.
Eine staatliche Herkunft macht eine Hintertür aber auch nicht automatisch wahr.
Bei Europol ist es ähnlich. Europol koordinierte internationale Ermittlungen gegen Darknet-Marktplätze. Daraus folgt nicht, dass Europol selbst Tor-Knoten betreibt oder das Netzwerk technisch kontrolliert.
Koordination ist nicht dasselbe wie Kontrolle.
Und die Tatsache, dass eine Behörde Tor nutzt, bedeutet noch lange nicht, dass sie Tor besitzt.
Was der Heise-Podcast beiträgt – und was nicht
Die Folge „Löcher in der Zwiebel? Ein Blick auf das Tor-Netzwerk“ aus dem Heise-Security-Podcast Passwort ordnet mögliche Angriffe verständlich ein.
Ein technisch starker und gut finanzierter Gegner kann einzelne Ziele angreifen, wenn er Schwachstellen, Metadaten und mehrere Beobachtungspunkte zusammenbringt.
Das ist eine gute technische Einordnung.
Sie ist kein Beweisstück für eine geheime Behördenflotte.
In einer späteren Folge ging es unter anderem um gefälschte Absenderadressen. Angreifer ließen Portscans so aussehen, als kämen sie von Tor-Relays. Hoster erhielten Beschwerden und sperrten daraufhin Knoten.
Der Angriff schadete dem Netzwerk.
Er enttarnte aber nicht automatisch Nutzer.
Auch hier sollten wir die Dinge auseinanderhalten:
„Tor wird angegriffen“ bedeutet nicht immer „Tor-Nutzer wurden identifiziert“.
Wie Menschen trotz Tor gefunden werden
Die spektakulärste Vorstellung ist eine Behörde, die deinen Einstieg und deinen Ausgang kontrolliert und dich live durch das Netz verfolgt.
Technisch kann die Beobachtung beider Seiten gefährlich sein.
In echten Ermittlungen entsteht eine Identifizierung aber häufig aus mehreren viel unspektakuläreren Puzzleteilen:
- Ein Onion-Server wird beschlagnahmt oder heimlich übernommen.
- Ein Browser oder eine andere Anwendung besitzt eine Sicherheitslücke.
- Provider oder Rechenzentren liefern Zeit- und Verbindungsdaten.
- Zahlungen führen zu einer Börse, einem Konto oder einer realen Person.
- Derselbe Name oder dieselbe Mailadresse wird an mehreren Stellen benutzt.
- Eine Datei enthält verräterische Metadaten.
- Online-Zeiten passen zum Alltag eines Verdächtigen.
- Eine Lieferung landet an einer echten Adresse.
- Ein Ermittler gewinnt das Vertrauen der Zielperson.
- Jemand meldet sich über Tor im eigenen persönlichen Konto an.
Oft muss Tor nicht mathematisch besiegt werden.
Es reicht, die Stelle zu finden, an der der Mensch, die Anwendung, der Server oder der Ablauf weniger konsequent ist als das Netzwerk.
Was ist wirklich belegt?
Belegt oder sehr stark dokumentiert
- NSA und GCHQ haben Tor-Verkehr untersucht und gezielte Angriffe entwickelt; die Snowden-Unterlagen dokumentieren dabei auch eigene oder zugängliche Infrastruktur.
- Ein staatlich finanziertes Institut betrieb 2014 angreifende Tor-Relays; die gewonnenen Daten gelangten zum FBI.
- US-Ermittler haben kontrollierte Onion-Dienste und Code auf Endgeräten genutzt, um echte IP-Adressen zu erhalten.
- Deutsche Recherchen dokumentieren eine erfolgreiche, gezielte Identifizierung im Umfeld einer alten Ricochet-Anwendung.
- Behörden verschiedener Staaten tauschen Tor-bezogene Ermittlungsergebnisse aus.
Plausibel, aber öffentlich nicht bewiesen
- Deutsche Sicherheitsbehörden könnten eigene oder kontrollierte Relays betreiben. Die Bundesregierung verweigerte genau dazu eine Antwort.
- KAX17 könnte ein staatlicher Akteur gewesen sein. Aufwand und Struktur würden dazu passen, seine Identität ist aber unbekannt.
Nicht belegt
- Es gibt keinen öffentlichen Nachweis, dass eine einzelne Behörde oder ein Behördenverbund heute einen entscheidenden Teil aller Guards und Exits kontrolliert.
- Es gibt keinen öffentlichen Nachweis einer universellen Behörden-Hintertür in Tor.
- Es gibt keinen Beleg dafür, dass jeder beliebige Tor-Nutzer jederzeit per Knopfdruck enttarnt werden kann.
- Und es gibt keinen vernünftigen Grund, Tor deshalb für nutzlos zu erklären.
Das ist die nüchterne Lage.
Sie ist weder beruhigend noch apokalyptisch.
Sie ist einfach komplizierter.
Was du selbst daraus ableiten kannst
Tor Browser kann viel abfedern. Er kann aber nicht jede Entscheidung übernehmen, die du davor, darin und danach triffst.
Nutze den offiziellen Tor Browser und halte ihn aktuell.
Viele erfolgreiche Angriffe zielten auf veraltete Software oder eine andere Anwendung, die Tor zwar irgendwie nutzte, aber nicht denselben Schutz bot.
Installiere keine beliebigen Erweiterungen.
Ein ungewöhnlich konfigurierter Browser kann aus der Masse herausstechen. Erweiterungen können außerdem Daten außerhalb des vorgesehenen Tor-Weges senden.
Trenne Identitäten.
Wenn du dich über Tor in dein persönliches Konto einloggst, kennt die Webseite vielleicht nicht deinen Standort. Deinen Namen kennt sie trotzdem.
Nutze kein BitTorrent über Tor.
Torrent-Programme können Proxy-Einstellungen umgehen, die echte IP-Adresse verraten und belasten zusätzlich das Netzwerk.
Sei vorsichtig mit heruntergeladenen Dokumenten.
Ein externes Programm kann beim Öffnen Inhalte direkt aus dem Internet nachladen und dabei deine normale Verbindung benutzen.
Achte auf HTTPS oder eine offizielle Onion-Adresse.
Tor schützt den Weg innerhalb seines Netzes. Bei einer normalen Webseite braucht auch die letzte Strecke zum Ziel eine sichere Verschlüsselung.
Verstehe, was Bridges tun.
Bridges können dabei helfen, Tor-Sperren zu umgehen und vor dem lokalen Internetanbieter zu verbergen, dass du dich direkt mit einem öffentlich bekannten Tor-Knoten verbindest. Sie lösen keine globale Verkehrskorrelation.
Behandle ein VPN nicht wie Privacy-Glitzer.
Ein VPN vor Tor kann verändern, wer deine direkte Tor-Nutzung sieht. Es verschiebt aber zunächst Vertrauen zu einem weiteren Anbieter und macht eine schlechte Arbeitsweise nicht automatisch gut.
Und wenn eine Identifizierung deine Freiheit, deine körperliche Sicherheit oder den Schutz einer Quelle gefährden würde, reicht „Tor Browser starten“ nicht als vollständiges Konzept.
Dann brauchst du ein Bedrohungsmodell.
Was willst du schützen?
Vor wem?
Welche Stellen kann dieser Gegner beobachten?
Welche Fehler wären für dich verkraftbar – und welche nicht?
Das klingt weniger bequem als ein großer Anonym-Schalter.
Einen solchen Schalter gibt es aber nicht.
Deine Daten. // Deine Entscheidung.
Tor verhindert keine Ermittlungen.
Es garantiert keine Unsichtbarkeit.
Und es kann einen Gegner nicht aus dem Internet zaubern, der dich bereits namentlich sucht, mehrere Netze beobachten darf und viel Zeit sowie Geld investiert.
Aber Tor verändert die Kosten.
Aus gewöhnlichem Mitlesen wird eine gezielte Operation.
Aus beiläufigem Tracking wird technische Arbeit.
Aus massenhafter Profilbildung wird die Suche nach mehreren passenden Datenpunkten.
Tor macht dich nicht unauffindbar. Es macht billige, beiläufige und massenhafte Verfolgung deutlich schwerer.
Das ist kein perfekter Schutz.
Es ist trotzdem ein gewaltiger Unterschied.
Tor ist kein Tarnumhang.
Tor ist eine Schutzschicht.
Eine ziemlich starke.
Aber eben nur eine.
Quellen // Transparenz
Tor: Funktionsweise, Grenzen und sichere Nutzung
- Tor Project – Welche Schutzmechanismen bietet Tor?
- Tor Project – Verbleibende Angriffe auf Onion Routing
- Tor Project – Traffic correlation using netflows
- Tor Project – Tor Browser sicher verwenden
NSA, GCHQ und gezielte Browserangriffe
- The Guardian – NSA and GCHQ target Tor network
- The Guardian – veröffentlichtes NSA-Dokument „Tor Stinks“
- The Guardian – veröffentlichtes NSA-Dokument „EGOTISTICALGIRAFFE“
- Tor Project – Geschichte von Onion Routing und Tor
- CIA – offizielle Mitteilung zur eigenen Onion-Seite
FBI, Carnegie Mellon und Playpen
- Tor Project – Stellungnahme zum CMU-/SEI-Angriff
- Tor Project – Did the FBI Pay a University to Attack Tor Users?
- US-Justizministerium – Gerichtsunterlagen zu Operation Pacifier und der Network Investigative Technique
Deutschland und Europa
- Tagesschau / Panorama – Strafverfolger hebeln Tor-Anonymisierung aus
- NDR – Ermittlungen im Darknet: Timing-Analysen
- Tor Project – Einordnung der deutschen Ricochet-Recherche
- Deutscher Bundestag – Drucksache 20/311, Frage 28
- Deutscher Bundestag – Drucksache 18/2145, Frage 20
- Europol – Operation Onymous
Bösartige Relays und KAX17
- Tor Project – Malicious relays and the health of the Tor network
- nusenu – Analyse des unbekannten Relay-Akteurs KAX17
Heise-Podcast und IP-Spoofing
- Passwort, Folge 18 – „Löcher in der Zwiebel?“
- Passwort, Folge 19 – „Tor-Angriffe, Security-Fails und viel Feedback“
- Tor Project – Defending Tor: Mitigating IP spoofing
Think in layers. Trust no single layer. // Denke in Schichten. Vertraue keiner einzelnen Schicht.
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